1988 gründet eine Gruppe interessierter Personen, vor allem Eltern und Unterrichtende, in Renens (VD) den lokalen Verein "Bücher ohne Grenzen Schweiz" mit dem Ziel, eine interkulturelle Bibliothek zu schaffen. Globlivres, die erste öffentliche interkulturelle Bibliothek, wird im Oktober 1988 eröffnet. In den folgenden Jahren werden weitere Bibliotheken in Basel, Thun, Zürich, Genf, Neuenburg, Bern, Sitten, Freiburg, Biel, Winterthur, Bellinzona, Chur, St.Gallen, Lyss , Monthey, Frauenfeld, Lugano, Wädenswil und Olten,  eröffnet.

siehe auch: www.interbiblio.ch

 

Konzept für die interkulturelle Bibliothek in Chur


Ausgangslage

Bund, Kanton und Gemeinden sind bestrebt eine bessere Integration von anders sprechenden Menschen zu fördern. Um auf dem Arbeitsmarkt mithalten zu können, wird auch von Menschen mit Migrationshintergrund eine hohe Anpassungsfähigkeit und Flexibilität erwartet. Deshalb muss es in der gleichen Weise, wie sich der stetige und dynamische Wandel in der gesamten Gesellschaft vollzieht, auch für MigrantInnen Begegnungsmöglichkeiten geben, um sich mit ihrem eigenen Hintergrund, ihrer Kultur und Identität vertraut zu machen.


Die Bibliotheken im Raume Chur haben zum Teil bereits fremdsprachige  Abteilungen. Hier  werden Bücher in, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch angeboten. Für Menschen mit Migrationshintergrund besteht wenig Möglichkeit um sich mit Literatur verschiedener Gattungen in der eigenen Muttersprache auseinander zu setzen, weil sie kaum Zugang zu geschriebenen Texten in der Muttersprache haben. Auch Kinder und Jugendliche wachsen meist fern von Literatur in der Herkunftssprache auf. Erschwerend kommt hinzu, dass Kinder und Jugendliche kein eigenes Bild ihrer eigenen Kultur bilden können. Sie sind der Meinung von Dritten unterworfen. Oft werden sie nur mit Stereotypen von ihrem Herkunftsland konfrontiert. Ihr Selbstwertgefühl und ihr   Identitätsbildungsprozess leiden darunter. Menschen streben von Natur nach Wissen aus ihrer Vergangenheit, um sich selber besser zu verstehen. Verschiedene neuere Studien belegen auch, dass das Erlernen einer zweiten Sprache viel einfacher ist, wenn die Herkunftssprache, die meist aus einem reduzierten Wortschatz besteht, gepflegt und gefördert wird.

 

Auftrag einer interkulturellen Bibliothek

Die Interkulturellen Bibliotheken setzen ein Zeichen gegen Intoleranz und Unverständnis zwischen den Kulturen. Sie erweitern den Horizont, indem sie die Vielfalt der in unseren Regionen vertretenen Kulturen als Chance begreifen. Die Interkulturellen Bibliotheken schlagen Brücken zwischen dem Herkunfts- und dem Aufnahmeland ihrer Leserinnen und Leser. Sie ermöglichen die Begegnung zwischen den verschiedenen Kulturen, die in derselben Region zusammenleben. Der kulturelle Reichtum und ihre Vielfalt werden so erfahrbar. Die Interkulturellen Bibliotheken erlauben es Migranten und Einheimischen gleichermassen, ihre kulturelle Identität und ihre Muttersprache im gegenseitigen Austausch zu bereichern und zu stärken. Die Interkulturellen Bibliotheken sind zugleich Arbeits- und Begegnungsstätten für ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher Herkunft. Als "kultureller Schmelztiegel" werten sie die Arbeit dieser Personen auf und integrieren sie in ein gemeinsames Projekt, in dem sie ihre unterschiedlichen Kompetenzen zur Geltung bringen können.

 

Ziele sind

  • jeder Benutzerin/jedem Benutzer die Möglichkeit zu geben, Bücher in der eigenen Muttersprache zu lesen
  • den interkulturellen Austausch zu fördern, indem sie Literatur und Dokumentation über die verschiedenen Länder, Völker und Sprachen zur Verfügung gestellt werden
  • die Kultur der ausländischen Bevölkerung aufzuwerten und damit zu ihrer Integration im Einwanderungsland beizutragen
  • Kinder und Jugendliche, die sich erst kurze Zeit in der Schweiz aufhalten, zu ermutigen, den Kontakt mit ihrer Muttersprache zu erhalten
  • einen Treffpunkt, eine erste Anlaufstelle anzubieten für Personen, die erst kurze Zeit im neuen Sprachgebiet leben
  • den Aufbau von Beziehungen mit den fremdsprachigen Gemeinschaften zu begünstigen 


Zielgruppe

Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit Interesse an Literatur in anderen Sprachen. Kinder und Jugendliche, die sich erst kurze Zeit in der Schweiz aufhalten oder Kinder und Jugendliche, die hier aufwachsen und ihre Herkunftssprache pflegen.


Erreichbarkeit der Zielgruppen

Mit Flyers und Plakaten in verschiedenen Sprachen auf die interkulturelle Bibliothek aufmerksam machen. Diese werden an Schulen, Ausländervereine etc. verteilt. Printmedien, Radio- und Fernsehstationen werden informiert. Beauftragte der Ausländervereine und Lehrpersonen werden eingeladen, einen Rundgang in der interkulturellen Bibliothek zu machen. Die interkulturelle Bibliothek stellt Raum zur Verfügung damit Ausländervereine oder Akteure der Integration literarische Veranstaltungen im vorgegebenen Rahmen organisieren können. So kann eine mögliche zukünftige Leserschaft einen ersten Kontakt mit der interkulturellen Bibliothek herstellen. Mit der Homepage www.vossa-lingua.ch bietet die Bibliothek im Netz eine informative Plattform.


Aktivitäten

Die Haupttätigkeit der Mitarbeiterinnen der interkulturellen Bibliotheken besteht in der Ausleihe von Medien an Einzelbenutzer, der Ausleihe von Bücherpaketen an Schulklassen und an Schul- und Gemeindebibliotheken, dem Empfang und der Einführung von Schulklassen in die Bibliotheksbenutzung, der Organisation kultureller Veranstaltungen: Erzählnachmittage, Lesungen, Spielnachmittage, Feste, Ausstellungen, etc. dem Anbieten von Sprachkursen, ohne Deutschkurse, der Teilnahme an Veranstaltungen mit interkulturellem Charakter in der Region.


Buch- und Medienbestand

Die interkulturellen Bibliotheken bieten Medien für Kinder und Erwachsene in zahlreichen Sprachen an: Belletristik, Märchen aus aller Welt, Comics, Sachbücher, Enzyklopädie,  Wörterbücher und Lexika, Sprachkurse (Deutsch und andere Sprachen) Bilderbücher, Kinder- und Jugendbücher andere Medien wie  DVD, CD-ROM. Die Bibliothek führt derzeit rund 3000 Bücher in den  folgenden Sprachen: Albanisch, Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Kroatisch, Kurdisch, Persisch, Rätoromanisch, Russisch, Spanisch, Tamilisch, Tigrinisch und Türkisch.

 

Personelle Ressourcen

Die interkulturelle Bibliothek in Chur beschäftigt eine ausgebildete Bibliothekarin, die gegen eine bescheidene Entlöhnung arbeitet. Drei bis vier weitere Frauen mit Migrationshintergrund unterstützen die Bibliothekarin. Der Vereinsvorstand tagt regelmässig und unterstützt die Arbeit in der Bibliothek .Die Mitarbeiterinnen der Bibliothek haben einen Stellenbeschrieb, der ihre Aufgaben und Kompetenzen regelt.


Trägerschaft

Um die interkulturelle Bibliothek zu führen, ist ein lokal unabhängiger Verein im Sinn von Art. 60ff des Schweizerischen Zivilgesetzbuches gegründet worden. Der Verein ist dem Dachverband INTERBIBLIO angeschlossen. Der 1993 gegründete Dachverband fördert den Informations- und Erfahrungsaustausch unter seinen Mitgliedern und weiteren interessierten Personen. Er unterstützt seine Mitgliedsvereine und setzt sich dafür ein, die Lektüre von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unabhängig von ihrer Muttersprache zu fördern. Er unterstützt neue Projekte für interkulturelle Bibliotheken. INTERBIBLIO repräsentiert die einzelnen Vereine auf nationaler Ebene.

 

Finanzierung 

Die interkulturelle Bibliothek wird vor allem durch Spenden und Gönnerbeiträge finanziert. Die Stadt Chur unterstützt die Bibliothek mit einem jährlichen Beitrag von Fr. 15'000. Es fliessen zudem in bescheidenem Masse Beiträge von Bibliotheksbenützern (Einzelpersonen 10.- pro Jahr und Familien 20.- pro Jahr) und die Mitgliederbeiträge der Vereinsmitglieder (Betrag an der GV festzulegen) in die Bibliothekskasse. Der Kanton Graubünden kann öffentlichen Bibliotheken Beiträge für Medien in der Höhe bis 40% auch noch nachträglich zusprechen. Für den Betrieb (Saläre, Infrastruktur) und Ausbau des Medienbestandes der Bibliothek benötigt „vossa lingua“ jährlich 35‘000 bis 40'000 Franken.


Infrastruktur

Die interkulturelle Bibliothek braucht für ihre Tätigkeit eine Raumgrösse von 70 -100m2. (Gemäss SAB-Richtlinien: Raumbedarf für 1000 Bücher 30m2). Für das Mobiliar wurde eine kostengünstige Variante gewählt. Eine adäquate EDV mit dem System Mediathek erleichtert die Katalogisierung der Medien.

 

Grundlagen für die interkulturelle Bibliothek 

Statuten des Vereins „vossa lingua“, Benutzerordnung der Bibliothek SAB-Richtlinien (Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken), Empfehlungen INTERBIBLIO.

 

Evaluation 

Der Vorstand erstellt in Zusammenarbeit mit der Bibliothekarin und mit den  Bibliothekshelferinnen den Jahresbericht. Einmal im Jahr hält der Verein gemäss Statuten eine Generalversammlung ab. Im Jahresbericht und in der GV werden die Aktivitäten, die Benützerfrequenz und die Statistik der Bücherausleihe sowie die Finanzen der Bibliothek offen gelegt.

 


Chur, Januar 2012/RC